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PROFESSOR DUGINS AVATARE (17). Soft Power à la russe und die vom Kreml-Kraken kontrollierte Dissidenz


Das Identitätsprofil der „Dugin-Konstellation“

Die in Dugins Werk synthetisierte Ideologie vereint einerseits europäisches konservatives Denken mit der Inspiration durch die Werke der ersten Welle der Eurasier wie Nikolai Trobetskoi, Pjotr Sawizki, Georgi Frolowski und Georgi Wernadski. Diese Konstellation von Intellektuellen aus der russischen Emigration leistete Großartiges, indem sie einerseits die eurozentrische Weltsicht in Frage stellte und andererseits aufzeigte, daß die kollektive Identität des russischen Volkes eng mit der während der tatarisch-mongolischen Herrschaft stattgefundenen Osmose verbunden ist. Der Kontinentalismus, vereint mit den Visionen Carl Schmitts und anderer europäischer Autoren, vervollständigt diese Weltsicht, die die Moderne als Ausdruck einer tiefgreifenden historischen Abweichung, eines gewaltigen zivilisatorischen Bruchs, ablehnt. Die Vorstellung vom ewigen Kampf zwischen Tellurokratie als Ausdruck der Landzivilisation und Thalassokratie als Ausdruck der Meereszivilisation ist zweifellos fundiert und verdient höchste Anerkennung. Erwähnt werden sollte hier auch Werner Sombart, der auf hervorragende Weise den zentralen Konflikt zwischen der vielseitigen und merkantilen Geldzivilisation, repräsentiert durch Großbritannien und die USA, einerseits und der kontinentalen Zivilisation, die auf vertikale, zeitlose Werte ausgerichtet und tief in der jahrtausendealten Tradition der Völker verwurzelt ist, beschrieben hat. Im Konflikt zwischen „Händlern“ und „Helden“ als Formen kollektiver Identität gebührt Letzteren Bewunderung.

Diese Artikelreihe beabsichtigt im Allgemeinen nicht, die philosophische und gesellschaftspolitische Vision von Professor Dugin im Detail zu analysieren. Sie kann je nach Standpunkt gelobt oder kritisiert werden. Dies wäre völlig angemessen gewesen, hätte Dugin sich im rein akademischen Rahmen bewegt und sich nicht in das heikle Terrain der Politik begeben. Da er sich jedoch trotz aller Beweise und patriotischem Verstandes für die Position der uneingeschränkten Unterstützung des Putin-Regimes entschieden hat, nimmt er die undankbare Rolle eines Förderers okkulter Interessen ein, die den nationalen Interessen Russlands diametral entgegenstehen, ganz zu schweigen vom Frieden und der Stabilität des gesamten Kontinents.

Ich persönlich weiß sehr genau, was Dugin über Putin und das Wesen dieses politischen Regimes denkt. Er hat es mir mehrfach anvertraut, aber ich werde ihn hier nicht zitieren, da es sich um private Gespräche handelt. Die scharfe und vollkommen berechtigte Kritik, die Dugin am Westen als einem ruchlosen Zivilisationsphänomen und einem dämonischen politischen Projekt übt, ist absolut stichhaltig. Ich stimme ihr voll und ganz zu. Ebenso wie all jene, die seinen „Lehren“ gefolgt sind. Doch Putin als Vorkämpfer gegen das liberale Monster und den Drachen der globalistischen Mammokratie darzustellen, beweist entweder das Fehlen eines umfassenden Verständnisses der großen Prozesse, die sich derzeit in der Welt vollziehen (angesichts seines intellektuellen Horizonts erscheint das eher unwahrscheinlich), oder eine zutiefst verwerfliche Heuchelei. Was man auch sagen mag, der Absturz von der Spitze der akademischen Welt zur beschämenden Rolle eines korrupten Propagandisten der Kreml-Fremdenherrschaft beweist ein Wesen, das sich nur schwer ehrenhaft beschreiben läßt. Was mag da auf dem Spiel stehen? Eine banale Todesangst? Das können wir nicht ausschließen, da wir den kriminellen Charakter des politischen Systems in Rußland kennen. Besonders nachdem so viele politische Gegner, Kommandeure des „Russischen Frühlings“ im Donbass und seine eigene Tochter unter höchst seltsamen Umständen getötet wurden. Es könnte aber genauso gut der unermessliche Stolz sein, sich als Teil der politischen Macht zu sehen, als Akteur der Öffentlichkeit, der maßgeblichen Einfluß auf die Ereignisse ausübt. Das sind Illusionen, gewiß. Aber wie schwer ist es doch, sie aufzugeben.

Daß Dugin mich aus seiner Sekte ausgeschlossen hat, überrascht mich überhaupt nicht. Die Logik ist einfach: Entweder man folgt der von oben gezogenen Linie, oder man ist sein Todfeind. Aber das habe ich erst in den letzten Jahren verstanden. Ich lasse seine Undankbarkeit für meine jahrelange Arbeit außer Acht, in der ich seine Bücher in eigener Kraft und auf eigene Kosten übersetzt und redigiert habe. Wobei ich zugebe, daß es nicht an Undankbarkeit liegt. Es könnte schlichtweg sein, daß seine Vorgesetzten im Kreml ihm befohlen haben, jeglichen Kontakt zu mir abzubrechen.

Ich komme zurück zu Dugins Weltanschauung. Wenn seine Kritik am Westen also durchaus lobenswert ist, so ist die von ihm vorgeschlagene Lösung falsch und gefährlich.

Ständig und bis zur Absurdität zu wiederholen, daß „der Zar gut und die Bojaren schlecht sind“, zeugt von schamloser Feigheit. Zu behaupten, Putin werde durch die „fünfte/sechste Kolonne“, repräsentiert durch die Liberalen, die er seit 25 Jahren an der Macht hält, daran gehindert, etwas Gutes für das Land zu tun, ist lächerlich. Die große Täuschung über Multipolarität/BRICS weiter zu verbreiten, insbesondere nach all dem, was unter der inszenierten Covid-19-Pandemie geschehen ist, und nach all den Maßnahmen zur Errichtung eines digitalen Gulags überall in der Welt (auch in Rußland!) ist erneut ein Ausdruck beschämender Doppelzüngigkeit.

Sich voll und ganz dem vorherrschenden Diskurs jener kabbalistischen Mafia zu verschreiben, die in Rußland die gesamte Macht kontrolliert, ist erniedrigend. Dies gilt insbesondere angesichts der Tatsache, daß sich derzeit Tausende russischer Patrioten offen zu Wort melden — ein Schritt, für den sie oft mit ihrem Leben oder ihrer Freiheit bezahlen.

Nicht anzuerkennen, daß Rußland durch seine militärische Intervention in der Ukraine in eine geopolitische Falle gelockt wurde, zeugt von völliger Unzulänglichkeit. Seit Jahren wird offen ausgesprochen, daß die Feinde Russlands diesen Krieg in der Ukraine als ein zweites Afghanistan konzipiert haben — mit dem Ziel, die Wirtschaft des Landes zu zerstören sowie soziales Chaos und den territorialen Zerfall herbeizuführen. Doch nur Dugin und die Soldaten seiner internationalistischen Armee simulieren weiterhin einen Siegeszug der russischen Armee und veröffentlichen Fotos, auf denen sie mit der Flagge der Volksrepublik Donezk posieren.

Im Laufe von Jahrzehnten ist es Dugin gelungen, eine regelrechte religiöse Sekte um sich zu scharen. In diesem fundamentalistischen Kult fungiert Putin als oberste Gottheit, während der Moskauer Magier Dugin selbst als Hohepriester auftritt. Er ist es, der die Glaubenssätze dieser neuheidnischen Religion geschaffen hat. Seine zahlreichen ideologischen Anhänger — wie etwa die bereits erwähnten, geradezu fanatischen Franzosen — bilden die Geistlichkeit dieser Sekte. Wer auch immer von den Dogmen dieses ideologischen Stammes abweicht, wird zum Ketzer erklärt, der den Feuertod verdient. Als Richter der Inquisition dieses Ordens fungieren komische Gestalten wie Lucien Cerise, denen es sowohl an Humor als auch an Realitätssinn völlig mangelt.

Der Zustand kognitiver Lähmung, den die neue Religion des Multipolarismus hervorruft, ist ein weiterer Beweis dafür, daß das Herdenverhalten selbst bei hochgebildeten Menschen ausgelöst werden kann, sofern es ihnen an echtem kritischen Urteilsvermögen und einem Mindestmaß an Demut mangelt. Der Stolz, mit den „Mächtigen der Stunde“ in Verbindung gebracht zu werden, hat über das Bedürfnis gesiegt, die eigene intellektuelle Unabhängigkeit und Analysefähigkeit zu bewahren.

Man könnte den psychologischen Zustand der Mitglieder dieses Kults folgendermaßen beschreiben: ein Zustand der Trance, der Faszination, der geistigen Blindheit, der Hypnose. Solche Phänomene wären ein lohnendes Untersuchungsobjekt für einen Religionshistoriker wie Mircea Eliade. Und doch hoffen wir, daß einige der Anhänger dieser undurchsichtigen und in sich geschlossenen sozialen Gruppe irgendwann aus ihrer Lethargie erwachen und einen Prozeß der Ernüchterung einleiten könnten. Ich hoffe zu ihrem eigenen Wohl und dem anderer, daß dies geschehen wird. Auf einen langen Zustand geistiger Berauschung sollte auch ein Erwachen folgen. Dies gilt jedoch nur für ehrliche und aufrichtige Menschen, die schlichtweg von hochkarätigen Manipulatoren getäuscht wurden. Für verdorbene, gierige und auf eigenen Vorteil bedachte Individuen ist ein solcher Prozeß nicht möglich.

Beim Nachdenken über den geistigen Zustand dieser Gruppe von Aktivisten, die für eine falsche Sache kämpfen und einer massiven ideologischen Blockade unterliegen, erinnerte ich mich an den Titel des berühmten, 1953 erschienenen Buches „Verführtes Denken“ von Czesław Miłosz. Der polnische Autor bezog sich dabei auf die kommunistische Ideologie. Doch ist die multipolare Ideologie weniger dogmatisch, weniger utopisch, weniger schädlich? Ich habe mehrere Bücher von Professor Dugin gelesen. Ich habe großen Respekt vor seinem umfangreichen und wertvollen wissenschaftlichen Werk. Doch wie bereits erwähnt, liegt seine Tragödie meiner Meinung nach darin, daß er sich in Machtspiele hat hineinziehen lassen, die ihn schwer diskreditiert haben — sowohl in den Augen des russischen Volkes, das ihn als Propagandisten der Macht wahrnimmt, als auch in den Augen einer wachsenden Zahl von Intellektuellen aus verschiedenen Ländern, die erkennen, daß Dugin vollkommen mit dem Putin-Regime verschmolzen ist und dieses bis zur Absurdität verherrlicht.

Seine zaghafte Kritik an namenlosen Bürokraten und die allegorische Sprache, mit der er seine Unzufriedenheit über die realen Probleme seines Landes zum Ausdruck bringt, erinnern mich an den Stil der kommunistischen Presse. Auch zu Zeiten der UdSSR war eine gemäßigte und eingeschränkte Kritik an Bürokraten, die von der Parteilinie abwichen, durchaus gestattet. Doch niemals durfte man die Nummer eins im Staat DIREKT kritisieren — sei es unter Stalin oder in der Ära Breschnew. Genau so verhält sich Dugin.

Fehler können jedem unterlaufen, doch Putin gilt stets als Symbol für Weisheit und Weitsicht, für Patriotismus und traditionelle Werte. Ab einem gewissen Punkt wirkt ein solches Narrativ geradezu abstoßend — ganz gleich, ob es aus lähmender Angst oder aus unehrenhafter Komplizenschaft heraus entstanden ist.

Iurie Roșca ist ein unabhängiger Journalist aus der Republik Moldau, ein antikommunistischer Dissident, ehemaliger Abgeordneter und stellvertretender Ministerpräsident, Redakteur, Übersetzer und Organisator der internationalen antiglobalistischen Denkfabrik Chișinău-Forum.