Einige allgemeine Überlegungen zur Außenwirkung der scharfen Kritik der „Dugin-Konstellation“ an der internationalen Lage und, implizit, an der Russlands.
Die Kritik Dugins und seiner intellektuellen Mitstreiter am westlichen plutokratischen System ist zweifellos berechtigt. Gerade dieser fundierte und multidisziplinäre systemische Ansatz, der den Westen als Ganzes anprangerte und seine historischen und spirituellen Ursprünge aufzeigte, brachte mich Dugin und seinen Anhängern/Mitarbeitern aus europäischen Ländern näher. Doch seit einiger Zeit ist mir bewußt, daß das absolute Übel sich wie eine tödliche Seuche über die ganze Welt ausgebreitet hat. Verkörpert wird es durch die Zivilisation des Geldes, den politischen und wirtschaftlichen Liberalismus.
Die Globalisierung hat alle Länder gleichermaßen und ohne Ausnahme getroffen, auch wenn der Niedergang des westlichen Raums deutlich fortgeschrittener ist. Daher verdient die „Dugin-Schule“ Anerkennung für ihre Kritik am Westen, aber gleichzeitig auch Kritik für ihre falschen Lösungsansätze. Das Putin-Regime, die „Multipolarität“ oder die BRICS als alternative geopolitische Projekte zu den von den westlichen Machtzentren propagierten darzustellen, bedeutet, die Wahrheit schwer zu verfälschen. Und egal, wie sehr diese Elite des Kremls sich in Gelehrsamkeit und Propagandatechniken auszeichnet, ihre Lügen treten immer eklatanter zutage. Eine Erklärung für die übermäßige Leichtgläubigkeit und den grenzenlosen Enthusiasmus von Dugins ideologischen Gefolgsleuten in den Ländern der Welt ist die kategorische Ablehnung des amerikanischen und/oder eurozentrischen Hegemonialismus. Die Ablehnung der verwerflichen Strategien der Weltkolonisierung durch die westlichen Eliten treibt sie direkt in die Arme der Moskauer Machtzentren. Die Strategie der falschen Dichotomien funktioniert perfekt: Die Einteilung der geopolitischen Akteure in zwei Lager, die „Bösen im Westen“ und die „Guten im Osten“, hat sich, so primitiv sie auch sein mag, als äußerst effektiv erwiesen.
Hier könnten wir das von Lucien Cerise in seinem Buch „Neuro-Piraten“ vorgeschlagene Leseraster anwenden. Es basiert auf Karpmans Dreieck (oder Drama-Dreieck), einem Modell der Transaktionsanalyse, entwickelt vom Psychotherapeuten Stephen Karpman. Dieses beschreibt dysfunktionale Beziehungsdynamiken, die auf Manipulation beruhen. In dieser Formel erscheint die Opferrolle den vom westlichen Establishment unterdrückten Völkern in der Rolle des Verfolgers (Aggressors) zugeschrieben, während Putin (sowie Xi und den BRICS-Staaten) die Rolle des Retters zukommt. Ich greife außerdem auf ein von Lucien Cerise im selben Buch sehr erfolgreich vorgestelltes Schema zurück.
Es handelt sich um eine klassische Form der horizontalen Manipulation, die subtil angewendet wird (der Begriff stammt von ihm). Diese Strategie funktioniert folgendermaßen: Jemand an der Spitze des Dreiecks manipuliert die beiden Basiswinkel. In unserem Fall geht es um das kontinuierliche Schüren von Konflikten zwischen Staaten an der Spitze der Weltmachtpyramide. Diese Macht manifestiert sich in einem weitverzweigten Netzwerk von Organisationen, von Freimaurerlogen und anderen Geheimbünden bis hin zu internationalen Organisationen, die ihre Pläne umsetzen: UN, IWF, Weltbank, WTO, Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, WHO, UNESCO, UNICEF usw. Um ihre finstere Agenda durchsetzen zu können, ohne heftige Proteste zu provozieren, greifen sie auf die Verhängung eines permanenten Ausnahmezustands zurück, die sogenannte Schockdoktrin oder Spannungsstrategie.
Diese Manipulationstechnik dient der Unterdrückung globalisierungskritischer Opposition. Die wichtigste Aufgabe der Drahtzieher an der Spitze dieses Netzwerks ist es, unsichtbar zu bleiben, wie Lucien Cerise aufzeigt. Beispiele für die Umsetzung dieser Strategie sind der Ukraine-Krieg, der Krieg der USA und Israels gegen den Iran, die Rivalitäten zwischen Indien und Pakistan usw. Solange die Drahtzieher anonym bleiben, können die Konfliktparteien den wahren Feind nicht erkennen.
Auf der Ebene globaler Machtausübung ist die UN die wichtigste Plattform zur Durchsetzung der Neuen Weltordnung. Durch die von dieser Organisation durchgesetzten Strategien werden alle globalistisch-satanischen Vorgehensweisen gefördert. Sie werden überall gleichermaßen umgesetzt, auch in Putins Rußland, in China und in den übrigen BRICS-Staaten. Darüber hinaus wird dieselbe Taktik, die öffentliche Aufmerksamkeit von der raschen und äußerst effizienten Umsetzung der gemeinsamen Agenda in allen Ländern der Welt abzulenken, auf nationaler Ebene angewendet, insbesondere bei Vorhandensein einer demokratischen Fassade. Horizontale Rivalitäten, politisch-wahlpolitische Kriege und ein permanenter Bürgerkrieg zwischen den jeweiligen Lagern halten sie ständig mit Abrechnungen beschäftigt und verhindern, daß sie erkennen, daß in Wirklichkeit — unabhängig davon, wer an der Macht ist — überall dieselben Strategien verfolgt werden, entwickelt von einigen privaten supranationalen Organisationen.
Um also zu unserem Helden Alexander Dugin und dem riesigen Netzwerk des Widerstands zurückzukehren, das der Kreml unter seinem Deckmantel kontrolliert, sollte Folgendes gesagt werden: Es sei angemerkt: Wir werfen ihm und seinen Anhängern nicht mangelnde Gelehrsamkeit oder das Fehlen beachtlicher Arbeiten vor, sondern einen Mangel an moralischer Integrität und Mut. Natürlich liegt es in der Natur des Menschen, Fehler zu machen. Doch nur ein ehrlicher Mensch, der sich nicht von Doppelzüngigkeit oder verborgenen Interessen leiten lässt, kann seinen Fehler eingestehen.
Im konkreten Fall Dugins ist der Mangel an Mut womöglich die ehrenhafteste Entschuldigung. Auch wenn es sich dabei nicht um eine Tugend, sondern um eine menschliche Schwäche handelt, hat ein Intellektueller im heutigen Rußland — wo politische Attentate seit mehr als einem Vierteljahrhundert zur Normalität gehören — allen Grund, solche Risiken in Betracht zu ziehen. Dies gilt insbesondere angesichts des tragischen Attentats auf seine Tochter Daria. Wenn die Dinge so liegen, ist das seine Entscheidung. Sie bedeutet, daß ihm das Leben kostbarer ist als Wahrheit und Gerechtigkeit. Vor einigen Jahren hatte ich in der App Telegram eine Gruppe namens „Chisinau Forum“ gegründet, in die ich alle aufnahm, die an unseren Treffen in der moldauischen Hauptstadt teilgenommen hatten. Doch irgendwann stieß mich die Haltung der mit Moskau sympathisierenden französischen Mitglieder so sehr ab, daß ich die Gruppe kurzerhand auflöste. Einmal warf mir Pierre-Antoine Plaquevent sogar vor, vom ursprünglichen Zweck unserer Gruppe abzuweichen. Ich entgegnete, daß ich lediglich beschriebe, was ich sähe; sollte das Moskauer Regime sein böses Wesen offenbaren, würde ich es weiterhin kritisieren. Ich bin dem Kreml zu nichts verpflichtet. Auch übe ich nicht freiwillig Selbstzensur. Ich gebe mich nicht mit der „Prokrustes-Version“ des vorherrschenden Diskurses zufrieden. Ich lehne jede Form von Gesinnungskontrolle ab, dulde keine halben Sachen und glaube nicht an Halbwahrheiten.
Daß sich etliche (ehemalige) Freunde aus verschiedenen Ländern, die dem multipolaren Lager treu geblieben sind, von mir distanziert haben, lässt sich womöglich so erklären: Nach Jahren begrifflicher Verwirrung sowie langer Recherche und Reflexion gelang mir ein bedeutender Paradigmenwechsel, durch den ich mich aus der multipolaren Falle befreite. Doch leider sind viele aus jenem Lager, dem ich einst angehörte, unter der Last ihrer eigenen Mittelmäßigkeit im Sumpf der Multipolarität versunken und haben sich so eine bequeme psychologische und soziale Nische bewahrt. Dies liegt daran, daß es vielen so scheint, als würden das Aufgeben der eigenen Illusionen und Wahnvorstellungen — und insbesondere das öffentliche Eingeständnis dessen — ihr Ansehen beschädigen und ihr Gefühl der eigenen Wichtigkeit beeinträchtigen. Um sie jedoch zu ermutigen, sich nicht für das Erkennen eigener Irrtümer zu schämen, möchte ich auf zwei klassische Beispiele aus der russischen Kultur verweisen. Der große Dostojewski war ein utopischer Liberaler. Doch das durchlittene Leid öffnete seinen Geist für die höchsten Gipfel des traditionellen orthodoxen Denkens und für die Treue zum russischen monarchischen Staat. Lew Tichomirow war lange Zeit ein radikaler Revolutionär und an dem Komplott beteiligt, das das Attentat auf Zar Alexander II. zum Ziel hatte; doch nach Jahren des Nachdenkens und der politischen Agitation verfaßte er die berühmte Schrift „Warum ich kein Revolutionär mehr bin“. Im Jahr 1905 veröffentlichte er zudem das Grundlagenwerk „Der monarchische Staat“ — die wohl gründlichste Studie, die je in russischer Sprache zu diesem Thema verfaßt wurde.
(Fortsetzung folgt)